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Gorillaz

Schon lange ist im Popzirkus nicht mehr so ein Affentheater aufgeführt worden. Vergesst Lara Croft, belächelt die Kinderstube von South Park und pfeift auf die Simpsons.

 Sie alle mögen cool sein, doch die Gorillaz sind definitiv ultracool. Das muntere Cartoon-Quartett erobert derzeit nicht nur mit rasanten Bilderfluten (unter der federführenden Regie von Tank Girl Creator Jamie Hewlett) die Welt von MTV und Viva, es hat auch die UK-Charts im Sturm erobert. Zunächst startete jüngst die Single "Clint Eastwood" turbobetrieben auf den dritten Platz der englischen Charts (tatsächlich klingt der Song, als hätte sich Dirty Harry in einen weedgeschwängerten Westernsaloon verirrt!). Und dem Monstersong mit dem Monstervideo, in dem überlebensgroße Gorillas den Moonwalk mimen und Friedhöfe von allen guten Geistern entfesselt sind, folgte sodann das superaffenscharfe Debütalbum "Gorillaz", das sich mit einem Lianenschwung ebenfalls auf Platz drei in Buckingham County hievte. Wer steckt nun hinter den vier Toon-Charakteren 2-D, Murdoc, Russel und Noodle, die der englischen Presse am laufenden Band die abstrusesten Interviews servieren?

Ausgebrütet wurden die Gorillaz von Damon Albarn und Jamie Hewlett vor etwa zwei Jahren. (Die beiden sollen sich zu dieser Zeit eine gemeinsame Wohnung in London geteilt haben.) Damon Albarn, Gitarrist, Keyboard-Frickler und passionierter Melodicaspieler, hat auch bei Blur nie einen Hehl aus seiner Experimentierfreude gemacht – und selten klang seine Melodica sinnfälliger als bei den Dub-Exkursionen der Gorillaz, die an die jamaikanische Legende Augustus Pablo erinnern. Jamie Hewlett, seines Zeichens Comiczeichner und nunmehr auch der Mann am Bass, hatte schon mit "Tank Girl" seine Vorlieben für apokalyptische Landschaften und Teen-Outlaw-Karikaturen demonstriert – für die Gorillaz lässt er nun seinen gewitzten Phantasien aus Graffiti-Chic, Manga-Power und Pop-Art freien Lauf. Unschwer ist hinter der Figur des Murdoc, dessen satanisches Grinsen Anführermentalität und eine Affinität zu okkulten Welten auszudrücken suchen, James Hewlett selbst zu erkennen. Leicht ist es auch in 2-D, dem hohläugigen Sänger der Gorillaz, der allein durch Ausdruckslosigkeit den denkbar coolsten Eindruck schindet, Damon Albarn zu erkennen. Russel, der schwarze Riese an den Drums, ist kein geringerer als der kalifornische Rapper Del Tha Funky Homosapien. Und Noodle, quirliger Kampfgeist mit Klampfe und Kung Fu, kann nur Miho Hatori von der New Yorker Experimental-Pop-Combo Cibo Matto zuzuordnen sein.

Doch damit ist die Besetzung dieser All-Star-Bunch noch lange nicht erschöpft – wo sich das Geschehen im Virtuellen immer um 2-D, Murdoc, Russel und Noodle drehen wird, sind die Gorillaz hinter den Kulissen einen Schritt weiter gegangen. Produziert hat das komplette Album Dan "The Automator" Nakamura, eine seit Jahr und Tag in HipHop-Kreisen umtriebige Mischpult-Koryphäe. Außerdem sind Tina Weymouth und Chris Frantz, die nach den Talking Heads mit dem Tom Tom Club ähnlich lockeren Charme versprüht hatten wie die Gorillaz, mit an Bord. Und geradezu denkwürdig ist der Gastauftritt von Ibrahim Ferrer, der kubanischen Nachtigall, der bei "Latin Simone (Que pasa contigo)" eine derart aufgekratzte Gesangsperformance hinlegt, dass man meinen könnte, er habe sich gerade seine Monatsration Rum in einem Zug verinnerlicht. Kid Koala von Deltron 3030 soll ebenfalls mit von der Partie gewesen sein – und es ist durchaus denkbar, dass in Zukunft noch der eine oder andere Musiker ein Gastspiel bei den Gorillaz geben wird. Das Spiel mit der vagen Identität treiben die Gorillaz denn auch so weit, dass sie bei dem ersten offiziellen Showcase in London hinter einer Leinwand auftraten und das visuelle Spektakel neben der Musik in den Vordergrund treten ließen. Neben Comics mit 2-D, Murdoc, Russel und Noodle wurden rasante Verfolgungsfahrten und Ausschnitte alter Horrorstreifen auf die Leinwand projiziert.


Bereits im November des letzten Jahres veröffentlichten die Gorillaz mit "Tomorrow Comes Today" ihre erste Single, auf der Albarns Slacker-Gesang und seine jamaikanisch tönende Melodica merkliche Akzente setzten. Das der kongenialen Promotion-Kampagne beigefügte Comic-Heft bestach nicht nur durch Liebe zum zeichnerischen Detail, sondern verlieh den vier Comic-Heroes der Gorillaz auch Charakterzüge und biographisches Profil: So ist Murdoc am 6.6.66 geboren; 2-D hat dort, wo andere ein Hirn haben, nur ein leeres Blatt Papier; Russel ist von Farrakhan und Chaka Khan beeinflusst; Noodle kam angeblich in einem Frachtcontainer und spricht lediglich ein Wort: Noodle. In fetten Slogans wurde auch die musikalische Marschroute vorgegeben: Zombie HipHop. Dark Pop. LoFi-Thriller. Durchaus bewegen sich die 15 Tracks in einem derart umrissenen stilistischen Rahmen. "Clint Eastwood" hat sich inzwischen ausdrücklich als Paradestück des Albums empfohlen: Was anfangs wie ein Spaghettiwestern antrabt, steigert sich mit jedem Beat zum Showdown, bei dem sich Dub, Punk und Pop ein fröhliches Shootout liefern. Und der Remix kommt direkt im Galopp daher und wartet mit einer pfiffigen Ragga-Style-Mixtur auf, die jedes Haus zum Kochen bringt.

Bei den Gorillaz haben jedenfalls viele Köche keineswegs den Brei verdorben, im Gegenteil, die delikaten Zutaten wurden hier zu einem sinnvoll geordneten Galamenü komponiert. "5/4" etwa basiert auf einem knochentrockenen Beat mit pepperscharfen Fuzz-Gitarren, wie man sie von Blur in härterer Gangart kennt, und abgeschmeckt wurde mit zuckersüßem Bubblegum-Pop. Aber ganz gleich, ob der schlürfende Dub von "Man Research" uns bewusst an die gottseligen Clash zu Zeiten von "Sandinista" erinnert, "Punk" seinem Titel kurz und bündig alle Ehre macht, "Rock Da House" zeigt, wie kraftvoll Old School HipHop noch immer sein kann oder "Double Bass" Easy Listening als etwas Bedrohliches erscheinen lässt, stets sind die Gorillaz auf ein abenteuerliches Unterfangen aus, wollen noch immer ein Zitat mehr obendrauf setzen. Gerade dadurch haben sich die Gorillaz die weitere Entwicklung in so ziemlich jede Richtung offen gehalten. Als nächste Single ist übrigens "19-2000" avisiert, mit seinen fröhlichen Farfisa-Klängen ein besonders sonniges Popliedchen.

Zweifellos sind die Gorillaz schon jetzt einer der großen Narrenstreiche des Popjahres 2001. Natürlich ist es nichts Neues, dass Popstars in die Comicwelt abtauchen, man denke nur an "Yellow Submarine", aber mancher Act ist auch schon ganz schnell abgesoffen. Die Gorillaz sind eher die zeitgemäße Fortsetzung der Monkees mit anderen Mitteln. Die Monkees waren Superstars in den Sechzigern, die sich in ihren durchgeknallten Fernsehshows für keine Albernheit zu schade waren. Auch die Gorillaz machen den Affen, aber so etwas geht in diesen Tagen eher einher mit graphischen Verwegenheiten auf der Homepage (ww.gorillaz.com), wo Murdoc nach seinem gestohlenen Wagen fahndet, in den Kong Studios (wie sollten sie auch sonst heißen?) der Teufel los ist, und Besucher demnächst in Noodle schlüpfen können,  um als zehnjähriges Girlie in diversen Kampfsportarten gegen die grimmigen Zombie-Gorillas aus dem Clint Eastwood-Video anzutreten. Willkommen auf dem Planeten der Affen. Vorhang auf für die Gorillaz: the first 21st Century Comic Supergroup. Auf Deutschland hat das Gorillaz-Fieber, was auf der Insel ausgebrochen ist, nun auch übergegriffen. Bleibt zu hoffen, dass die für Juni angekündigte Europatournee auch in hiesigen Regionen Halt macht.

copyright 2001 by EMI Electrola GmbH & Co KG (www.emimusic.de) 


 

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