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Blur

Das verflixte siebte Album? Mitnichten. „Think Tank“ ist eher der schlagende Beweis, dass sich das musikalische Universum von Blur wieder um einige Lichtjahre ausgedehnt hat. Sternenreisen entfernt vom Brit-Pop ihrer frühen Jahre, klingen sie sogar noch avantgardistischer als auf ihrem letzten Studioalbum, dem vor vier Jahren erschienenen „13“. Das mag daran liegen, dass Damon Albarn, Alex James und Dave Rowntree zum ersten Mal ein Album als Trio eingespielt haben –  das Fehlen des Gitarristen Graham Coxon, der lediglich auf dem letzten Track „Battery In Your Leg“ zu hören ist, ließ das Album unter völlig neuen Prämissen entstehen. Um anderweitig kursierende Gerüchte zu entkräften: „Think Tank“ ist weder Blurs Dance-Album, noch ihr finaler Beitrag zur Worldmusic, aber es ist durchgängig groovy und durchaus global. Durch die verqueren Rhythmen und vielgestaltigen Texturen geistert der Spirit von Can und Eno, Joe Strummer und dem Orchestra Baobab, aber eben mit jener schlaksigen Lässigkeit und neugierig frohen Mutes, wie es schon immer für Blur typisch war.

Bereits im November 2001 begannen Blur an den Vorarbeiten. Damon Albarn legte seine Aktivitäten mit den Gorillaz erst einmal auf Eis, und die Band versammelte sich im eigenen Studio im Westen Londons, das denselben Namen trägt wie ihr letztes Album: „13“. Graham Coxon, Gründungsmitglied und Gitarrist der Band, tauchte jedoch nur sporadisch dort auf, bevor er Blur endgültig verließ. Gemeinsam mit Ben Hillier (Elbow, Tom McCrae), der den Löwenanteil der Produktion übernahm, setzte die Band ohne Coxon ihre Arbeit fort. In kleinen, aber dann auch immer intensiven kreativen Schüben. Über einen Zeitraum von insgesamt zwölf Monaten, in denen auch die Produzentengenies William Orbit und Norman Cook gelegentlich assistierten, entstand ein Wust von Klangexperimenten, die Damon Albarn als „die direktesten Songs seit Parklife“ bezeichnet.

Die schiere Lust am Experiment ist in jedem Moment von „Think Tank“ spürbar. Blur erweisen sich einmal mehr als Kosmopoliten der Popmusik bar jeden Trends. Auch wenn der Einfluss von Dub und Electronica recht dominant ist, gibt es die schönen Ausnahmen von der Regel. „Crazy Beat“ etwa, ein furioses Stück zwischen Trash und Punk, bei dem einerseits Norman Cook (aka Fatboy Slim) seine markanten Spuren von Big Beat hinterlassen hat, andererseits die heftigen Gitarren einen Nachfolger für „Song 2“ nahe legen. Noch prägnanter ist „We’ve Got A File On You“. Der Song mit dem Titel eines Spionagethrillers währt nur knapp eine Minute lang, bündelt aber den Geist von Punk mit einer Wucht, die wie eine geballte Faust in die Höhe schnellt. Jenseits dieser rühmlichen Ausnahmen vermittelt „Think Tank“ jedoch einen entspannten und eher ruhigen Eindruck.

„Ambulance“, der Opener des Albums, setzt mit repetierender Percussion, zu der sich ein feiner Funkbass gesellt, jenen avantgardistischen Grundton, wie er von Can zu besten Zeiten kultiviert wurde. Dann folgt die erste Single „Out Of Time“, eine behutsame, andalusisch angehauchte Ballade, untermalt von einem marokkanischen Streichorchester, der Groupe Regional du Marrakesh, die Blur und Ben Hillier bei ihrem gemeinsamen Ausflug nach Marrakesch engagierten, wo ein Teil der Albumaufnahmen entstand, nachdem Blur die ersten 20 Songskizzen entworfen hatten. Doch trotz eines Songtitels wie „Moroccan People’s Revolutionary Bowls Club“ ist der Einfluss afrikanischer Musik ansonsten kaum merklich. Dafür sind andere Inspirationsquellen weitaus deutlicher: „Gene By Gene“ ist eine Referenz an jene Spielart des Dub, die Joe Strummer schon zu Clash-Zeiten anzustimmen pflegte. „Brothers And Sisters“, ein kurioses Statement zur weltweit verbreiteten Drogenabhängigkeit („Cocaine is for murderers/Codeine for the jurors“), beginnt wie ein angestaubter Akustik-Blues eines John Lee Hooker und entfaltet nach und nach den unterkühlten Flair von Funk, wie ihn in den Achtzigern Gang of Four inszenierten.

Blur marodieren auf „Think Tank“ mit einer Mischung aus bewundernswerter Laxheit und notorischem Selbstbewusstsein durch einen Hort von Stilpartikeln, bei denen vor allem Damon Albarns sanftmütige Stimme den roten Faden hält. Mal säuselt er mit scheinbar übernächtigter und entrückt wirkender Stimme nebst Melodica eines seiner berühmt-berüchtigten Wiegenlieder („Caravan“), mal gibt er sich als schräger Barde versponnener Liebeslieder („Good Song“). Ganz gleich, ob Blur Ausflüge in die Welt obskurer Downbeats unternehmen („On The Way To The Club“) oder aus einem Lo-Fi-Tableau unvermittelt in jazzige Gefilde wechseln („Jets“), Albarn, James und Rowntree scheinen einzig und allein ihrer eigenen Denkwerkstatt verpflichtet. In diesem Punkt ist der Albumtitel unmissverständlich. „Es ist mit Abstand das beste Album, das wir je gemacht haben“, behauptet sogar Dave Rowntree, der sich sonst eigentlich mit solch drastischen Behauptungen zurückhält. „Ich würde es am ehesten mit Parklife vergleichen, beide Male haben wir uns an keine Regeln gehalten. Bei Parklife wollten wir allerdings damit die Plattenfirma ärgern. Diesmal gab es keine andere Alternative.“
Blur setzten 1989 erstmals unter diesem Namen ihren Fuß in die Tür des Popbusiness und wurden von dem EMI-Label Food unter Vertrag genommen. Von Beginn an zeigte sich die junge Band sehr widerstandsfähig: Sie überlebten einen sich anbahnenden Skandal um ein leicht bekleidetes Pin-up-Girl auf dem Werbeplakat zur Debütsingle „She’s So High“, konterten mit zwei Weltklasseriffs auf ihrer zweiten Single „There’s No Other Way“, ihrem ersten englischen Top-Ten-Hit - dem noch etliche folgen sollten – und auch dass ihr Drummer anfangs mehr Nächte in Ausnüchterungszellen als in Hotelbetten verbrachte, tat ihrem Renommee letztendlich keinen Abbruch. Mit ihrem zwischen erfrischendem Pop und artifiziellem Punk pendelnden Debütalbum „Leisure“ bewiesen Blur, dass sie gewillt und talentiert genug waren, die englische Popmusik zu revolutionieren.

Wie die meisten Revolutionen war auch die von Blur schwer erkämpft. Bereits 1992 hätten sie eigentlich schon den großen Durchbruch feiern können, aber schlechtes Management hatte sie an den Rand des Bankrotts getrieben und am Ende einer höllisch anstrengenden Tournee durch die USA waren sich die selten nüchternen Bandmitglieder fast an die Gurgel gegangen. Es ist also kein Zufall, dass einer ihrer desolatesten Songs überhaupt, „1992“ von ihrem Album „13“, nach diesem Katastrophenjahr benannt wurde. Aber Blur konnten sich zumindest auf ihr musikalisches Output verlassen: „Modern Life Is Rubbish“ (1993) war ein glänzendes Beispiel dafür, wie cool ausgeprägt englische Rockmusik klingen konnte. Und als sie am 25. April 1994 schließlich mit „Parklife“ ihr drittes Album veröffentlichten, hatten sie das gesamte britische Poplexikon – von den Kinks und T.Rex bis Madness und XTC – so meisterlich verinnerlicht, dass ganz Großbritannien der Band zu Füßen lag. „Parklife“ avancierte zum bis dato kommerziell erfolgreichsten und kulturell anbetungswürdigsten Album der Band – und wurde mit einem Brit-Award ausgezeichnet.

„The Great Escape“ aus dem Jahr 1995 ergänzte die große Soundpalette des Brit-Pop um ein weiteres Meisterwerk. Blur hatten im Kontext rivalisierender Popbands selbst Oasis abgehängt, hatten aber vor allem Lust und Laune, in ganz andere Klangdimensionen aufzubrechen. „Movin’ On“ hieß schließlich auch ein Titel des 1997 erschienenen Albums „Blur“, mit dem sich die  Band langsam aber sicher vom Brit-Pop verabschiedete. Während die UK-No.1-Single „Beetlebum“ im Nachhinein wirkt wie ein letztes Abschiedsgeschenk an die Brit-Pop-Ära, warfen selbst Journalisten in Israel, wie sich Dave Rowntree erinnert, der Band vor, den Brit-Pop getötet zu haben. Ganz andere Reaktionen kamen aus den USA. War man dort bis dahin anscheinend immun gegenüber den Songs von Blur, hinterließ die explosive Dynamik der Punk-Single „Song 2“ einen so großen Eindruck, dass die Band von höchster Stelle gefragt wurde, ob man diesen Song für eine Werbekampagne des neuen Stealth Bombers benutzen könne. Blur lehnten das Angebot ab.

Den radikalsten Wechsel vollzogen Blur mit ihrem Album „13“ aus dem Jahr 1999. Sie gaben nicht nur Stephen Street, ihrem bisherigen Stammproduzenten, den Laufpass, sie verabschiedeten sich auch weitgehend von einfachen Songstrukturen. Einflüsse von amerikanischen Bands wie Pavement und Tortoise, deutschen Elektronik-Formationen wie Can und Neu! bestimmten plötzlich das Schaffen der nach Innovation strebenden Band. Auch die kühle Umgebung von Island, wo Damon Albarn sein zweites Zuhause eingerichtet hatte, sowie die gescheiterte Beziehung zu Justine Frischmann, ihres Zeichens Sängerin von Elastica, sollen Spuren auf dem von William Orbit produzierten Werk hinterlassen haben, dessen technologische Vielfalt und komplexe Struktur den Rolling Stone sogar verleitete, es zum Weißen Album für das nächste Jahrtausend zu apostrophieren.

Jetzt sind wir längst im neuen Jahrtausend angekommen. Blur sind heute zu zwei Dritteln abstinent, ein Drittel ist Vater und allesamt stürzen sie sich in immer gewagtere musikalische Abenteuer. Jazz-Saxophon, vertrackte Percussion, verstiegene Gesangsharmonien, auf „Think Tank“ lauert hinter jeder Ecke eine neue Überraschung. Dabei haben Blur in den letzten Jahren ihren Aktionsradius auch anderweitig ständig erweitert. Damon Albarn feierte mit dem Comic-Projekt Gorillaz geradezu sensationelle Erfolge und seine musikalischen Ambitionen baute der Friedensaktivist auf dem mit afrikanischen Musikern aufgenommenen Album „Mali Music“ noch weiter aus. Alex James findet mit seiner Pop-Combo Fat Les zusätzliche Auslastung, während Dave Rowntree neben seinem Engagement als Drummer, unter anderem auch bei Graham Coxons Solowerken und bei den Gorillaz, eine Koryphäe der Computeranimation ist. Außerdem unterstützen Alex und Dave nach wie vor die für dieses Jahr geplante unbemannte Marsexpedition. Nicht wenigen Fans von Blur wird „Think Tank“ vorkommen wie der für eine solche Expedition maßgeschneiderte Soundtrack. Ein aufmunterndes Kaleidoskop kunterbunter Klänge. Science-Fiction für das Hier und Jetzt.

copyright 2001 by EMI Electrola GmbH & Co KG (www.emimusic.de) 


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