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Placebo

„Es war eine Katastrophe. Nichts hat funktioniert und wir haben uns erst mal gestritten wie die Marktweiber, weil uns die gemeinsame Richtung völlig unklar war. Manchmal bin ich schier ausgerastet, weil ich dachte, er will meinen Songs weh tun. Ich bin da sehr besitzergreifend.“ Brian Molko lehnt ich zurück und zieht tief an seiner Marlboro Lights. „Nach und nach haben wir uns angenähert, und zum Schluss sind wir fast wie unzertrennliche Freunde geworden. Es war eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit, und wer weiß: Möglicherweise war es nicht unsere letzte.“ Wovon der außerordentlich sympathische Endzwanziger hier berichtet, ist eines der stimmigsten Verhältnisse, das es je zwischen einer britischen Rockband und einem Rockgenre-fremden Produzenten gegeben hat. In diesem Fall: Jim Abbiss, ein totaler Freak mit einem offensiven Faible für abstruse Elektronik-Klänge – wie er bereits bei seinen früheren Arbeiten mit DJ Shadow und dem britisch-amerikanischen Eklektiker-Kollektiv U.N.K.L.E. bewies.

 

Aber erzählen wir die Geschichte von „Sleeping With Ghosts“, Placebos viertem und bis dato zweifellos vielschichtigstem Album, von vorne. Am Anfang stand das Burnout-Syndrom, „ein Zustand der absoluten Unzufriedenheit und Lustlosigkeit“, erinnert sich Molko. Seit rund sieben Jahren war das Trio ununterbrochen produktiv, unterwegs und auf Starkstrom-Schaltung. Es gab drei Alben, ungezählte Welttourneen und ein globales Medien-Interesse, wie es nur den wenigsten britischen Bands zuteil wird. Die Krönung ihres Schaffens: „Black Market Music“. Ein Album, das neben der magischen Grenze von über einer Million verkaufter Einheiten weltweit vor allem eines knackte: Placebos Wunsch nach Perfektion. Die Kultur der Coolness wurde Pop und Placebo zu einer der gefragtesten Bands der Insel.

 

 

„Diese Platte stellt alles dar, was wir bis dahin musikalisch erreichen wollten. Es war das maximal Mögliche im Rahmen unseres bisherigen Kosmos. Insofern ist unser Verhältnis zu der Platte auch etwas ambivalent“, gesteht Brian Molko. „Wir wollten damals eine Platte machen, die selbstbewusst und extrem Hi-Fi klingt. Das Ziel haben wir erreicht, und doch standen wir plötzlich da uns fragten uns, wie es jetzt weiter gehen soll.“ Sie taten, was so ziemlich jeder Künstler macht, der so beständig wie langsam die Karriereleiter hoch gekraxelt ist und sich nun in Dimensionen befindet, wo die Erfolgs-Statik instabil und die Sprossen spröde werden: Pause einlegen. Nachdenken. Zu sich kommen.

 

Sie kauften sich drei identische kleine Wohnzimmer-Studios, ein paar zusätzliche Instrumente und begannen, in bester Tapetrading-Tradition Ideen hin und her zu schicken. „Es war ein völlig neuer, für uns fast revolutionärer Ansatz, unsere Songs entstehen zu lassen. Bislang ist unsere Musik immer aus dem Kollektiv-Gedanken heraus entstanden. Und plötzlich stehst du mit deinen Ideen ganz alleine da. Eine sehr coole Erfahrung.“ Und eine, die Früchte trug. Nicht zuletzt in dem eigentlich als Schnapsidee betrachteten Versuch, mit Jim Abbiss einen Produzenten zu den Aufnahmen einzuladen, der mit seinen clever kauzigen Klangeinfällen kaum weiter vom bisherigen Kontext der Band entfernt sein könnte.

 

Und plötzlich ging alles sehr schnell. Ja, sogar schneller als jemals zuvor spielten sie im Studio die Songs ein, hielten etwas, das sich als gut erwies, sofort fest, und benutzten sogar einige der spröden, unperfekten und gerade deshalb sehr charmanten Aufnahme-Spuren aus ihren Demo-Sessions. Das Ergebnis gibt ihnen Recht: „Sleeping With Ghosts“ ist die facettenreichste Platte des Trios, ein melancholischer Trip durch narkotisierenden Glamour, transzendentale Stilsicherheit und diverse experimentelle Sound-Eskapaden. Jeder Song ist auf seine Weise einzigartig, unverwechselbar in Ausgestaltung und Feeling, dicht im Arrangement und begeisternd im Sound. Sie spannen einen weiten Bogen zwischen dem Album-Opnener „Bulletproof Cupid“, einem instrumentalen Rockbiest mit Turbo-Boost, und dem Album beschließenden, höchst zerbrechlichen „Centerfolds“, einer todtraurigen Ballade, die mit jedem einzelnen Ton pure Melancholie atmet.

 

Auch inhaltlich geht es tiefer als je zuvor. Nachdem sie auf „Black Market Music“ ihre politische Seite entdeckt hatten, wird Molko auf „Sleeping With Ghosts“ nun so persönlich und intim wie nie zuvor. Es geht um zurückliegende Befindlichkeiten, um die Verarbeitung abstrakter – und teilweise biografischer – Gedanken zwischenmenschlicher Beziehungen wie SM-Fetisch, frühzeitig aufgegebene Beziehungen oder Missbrauch von Minderjährigen, wie in dem elektronisch kunstvoll vertwisteten „Something Rotten“, einer beklemmenden Anklage von gesellschaftlicher Ignoranz gegenüber den Geschändeten. „All diese Dinge schlummern schon lange in mir, teils, weil ich sie selbst erlebt habe, teils, weil sie aus irgendeinem absurden Grund immer in meinen Gedanken sind. Ich wollte das los werden. Also musste ich drüber schreiben“, sagt Molko, der Berufs-Melancholiker. „Ich bin nun mal ein nachdenklicher, latent schwermütiger Mensch. Ich brauche meine alltäglichen Gedanken nur festzuhalten, dann entsteht so etwas.“

  

Ein neuer Ansatz, eine neue Vorgehensweise, ein neuer Produzent: all das macht noch lange kein gutes Album. Dazu gehört mehr. Sie wollten „beweisen, dass wir noch immer relevant sind. Vor den Fans, vor der Musik, vor uns selber.“ Schlussendlich ging es dem Trio mit „Sleeping With Ghosts“ also um das grundsätzliche Infragestellen ihres Daseins und mithin um den zentralen Punkt ihrer Existenz als Band. „Es gibt nur wenige Bands, denen es derzeit gelingt, neue Eckpfeiler in der Rockmusik zu definieren. Dabei sollte das für jeden Musikschaffenden der Hauptantrieb sein. Es reicht nicht, gut zu sein. Du solltest auch bemüht sein, etwas zu erschaffen, das es so noch nicht gegeben hat.“ Relevanz revisited: Selten zuvor ist es einer Band gelungen, aus einem kreativen Tal derart gestärkt hervorzugehen und nicht nur auf einem professionellen Level weiterzuarbeiten, sondern sich ein ganzes Stück weit neu zu erfinden, ohne dabei alles Bisherige zu verleugnen. Ein – zugegeben – kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für die Band und jeden, der sie liebt.

 

Oder, wie Molko es ausdrückt: „Seitdem wir diese Platte gemacht haben weiß ich:

Es ist gut und wichtig, dass es uns gibt.“

 

Die Band:
Brian Molko – Vocals, Guitar
Stefan Olsdal – Bass, Vocals
Steve Hewitt – Drums

 

Quellen: emipromotionservices

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