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Reamonn

Das Ding ist aus Holz und Bindfaden. An einer Seite hängt ein Kabel. Das Ganze sieht aus wie eine Mischung aus Kinderschaukel und Flaschenzug - mit dem Unterschied, dass keine Kinder darauf wippen, bloss nasse Wäsche.

”Wenn man hier drückt, hebt sich der Apparat,“ Rea Garvey lächelt stolz. Gestern Abend hat er eine elektrische Wäschetrockenaufhängevorrichtung fürs Badezimmer gebaut.

Aber: warum?
”Es nimmt uns lästige Arbeit ab. Und guck mal, so ist es doch viel einfacher, man muss nicht mehr schwer heben.“
Klar, das leuchtet ein. Nichts könnte Reas Weltsicht besser beschreiben als dieses Holzbind-fadending: Gegen Umstände, die einen stören, die den Alltag unnötig beschweren, muss man etwas tun - am allerbesten selbst.

Reamonn Garvey ist aber kein Handwerker, sondern Musiker. Irischer Musiker. Er ist Sän-ger und Frontmann der Gruppe Reamonn, die mit ihrem Debutalbum ”Tuesday“ weltweit bekannt wurden (selbst Mariah Carey, so geht die Legende, trug ein ”Supergirl“ T-Shirt, weil ihr Reamonns Musik so sehr gefiel). Und normalerweise, könnte man nun annehmen, verbringt einer, der so bekannt ist, seine Freizeit in einem Liegestuhl und nicht mit Säge, Hammer und einem Haufen Holz in einem Hinterhof in Berlin. Rea ist aber nicht ”norma-lerweise“.

Wir sitzen im Wohnzimmer in Garveys neuer Wohnung in Berlin-Mitte. Rea kocht Kaffee. Die Promenadenmischung ”Baby“ räkelt sich vor dem Sofa. Den Raum durchziehen Kaffee-duft und die Musik von ”Beautiful Sky“, Reamonns neuem Album.
Die Gruppe um den irischen Sänger existiert seit 1999 in der gleichen Besetzung: Rea Gar-vey (Gesang und Gitarre), Uwe Bossert (Gitarre), Mike Gommeringer (Gomezz)am Schlag-zeug, Philipp Rauenbusch (Bass) und Sebastian Padotzke (Keyboard/Saxophon).


Bevor sie einander fanden - der Ire und die Jungs aus Süddeutschland - arbeiteten alle als Berufsmusiker. Als Rea 1998 mit 50 Mark Startkapital in der Tasche nach Deutsch-land kam, verdingte er sich zunächst als Roadie und T-Shirt-Verkäufer auf Festivals, spielte als Alleinunterhalter in Pubs, zog aufs Land in die Nähe von Ravensburg und in-serierte dann in einer Zeitung: ”Irischer Musiker sucht Band.“
”Die Gruppe ist ein Kreis. Jeder brachte jemanden mit, und irgendwann waren wir vollstän-dig: Gomezz brachte Sebi, Sebi brachte Uwe, Uwe brachte Phil.“

Die letzten Akkorde der Ballade ”Allright“ verebben. Das Lied klingt als würde man es ken-nen. ”Das ging uns schon oft so,“ sagt Rea schmunzelnd.” Viele Menschen sagten: ”Das kenn ich, das Stück.“ Sie konnten es aber nicht kennen, weil es neu war.“ Woran liegt das?
”Vielleicht fühlen sich die Leute in bestimmten Songs zu Hause, finden etwas, das sie an sich selbst erinnert. Wer weiss?“ ”Allright“ ist jedenfalls so ein Lied. Wie auch die anderen schrieb die Band diesen Song in Kerry, in Irland. Produziert wurde das Album von Andi Herbig (Bootsy Collins, A-Ha, Wolfsheim, Patrice, Deichkind*), ”weil er der Beste war, denn er liebt Musik, und wir lieben seine Arbeit.“ In Motril in Spanien wurde aufgenommen, gemixt wurde in Hamburg.

Reamonn sind Songwriter. Wie auch Radiohead schreiben sie eher zuviele Lieder als zuwenig und haben am Ende das Problem der Auswahl. Für das Debut ”Tuesday“ hatten sie fünfzig Lieder geschrieben, unter anderem die beiden Hits ”Josephine“ und ”Supergirl“. Für dieses, das dritte Album ”Beautiful Sky” schrieben sie achtzig.

Mit einem Rumpeln beendet die Waschmaschine ihren zweiten Durchgang. Rea muss Koffer packen. In wenigen Tagen beginnt die Tour. Ab Mitte April, eine ausgedehnte Clubtour. Und ”ausgedehnt“ heißt nicht: vier Tage ausruhen und einen Tag spielen. Insgesamt spielen sie 40 Konzerte in anderthalb Monaten, ausschließlich in kleinen Venues, in irischen Pubs.

Warum dort? Weil dort alles begann?
”Weil sich dort alles entfaltet,“, lacht Rea und erklärt dann, warum sie ”Beautiful Sky” so und nicht anders spielen möchten. ”Was uns ausmacht, ist das Unmittelbare, das Direkte, der Spass. Wir kennen die Atmosphäre in irischen Pubs. Wenn man da auftritt, kann man sich nicht verstecken. Nirgendwo. Das ist ein echter Test, nicht nur für die Musiker, vor al-lem auch für die Musik, für die Lieder.”

Reamonn ist keine Popband, die auf elektrische Effekte setzt. Wenn Rea singt, erzählt er Ge-schichten. Und wenn er redet, dann erst recht. So ist das Tradition in Irland. Musiker un-terhalten die Menschen, im wahrsten Sinne des Wortes. Dazu braucht es Intimität. Nähe. Eine Atmosphäre, die von wenigen geteilt wird, nicht von möglichst vielen. Wo es nichts macht, wenn es Pausen zwischen den Stücken gibt, wenn ein paar der hundert Leute im Publikum husten, sich räuspern, vielleicht zwischendurch einen Drink holen, einen Kommen-tar zurufen, während sich Rea kurz umdreht, lacht - mehr über sich als über irgendjemanden – weil er gerade erinnert, wie er einmal, Weihnachten, völlig betrunken, aus Versehen einen Hotelbesitzer mit Bono verwechselte, oder anders: Bono mit einem Hotelbesitzer.

Irgendwo in Irland.
Oder wie er als Student jahrelang für die Rechte Homosexueller in Irland demonstrierte, es aber mächtig mit der Angst bekam, als er sich mitten in Manchester in einem Gay-Viertel
zwischen Mitgliedern von Take That und der Regenbogengemeinde wiederfand. Oder was für einen seltsamen Alltag ein Mann erlebt, wenn er mit sieben Schwestern aufwächst, die alle zur selben Zeit unter PMS leiden. Wie es ist als Ire, der kein Deutsch versteht, im Mit-telfeld einer süddeutschen Landfußballmannschaft zu spielen. Warum er als Kind überzeugt war, Gott sei schwerhörig. Und das alles auch, und so weiter und so fort, erzählt.

Leise beginnt eine Gitarre - ”Star“, ein aussergewöhnliches Liebeslied, in dem es um das Erwachsenwerden geht, um den Konflikt zwischen Vater und Tochter, der seine Auflösung in einer einfachen Aussage findet: ”Wer liebt, muss auch loslassen können.“ Das ist die erste Single. Doch bei ”Beautiful Sky“ geht es nicht nur ums Zwischenmenschliche. Es geht vor allem auch um die Gesellschaft, die Gemeinschaft der Menschen.

”Vielen Leuten fehlen emotionale Sicherheit, Langfristigkeit, Menschlichkeit. Die Menschen erfahren ja jetzt schon – gezwungenermassen  - harte Veränderungen. Ich spreche nicht nur von Rezession und Arbeitslosigkeit; ich meine das Unwohlsein in einer Kultur, die sich um den Moment mehr schert als um das Morgen. Wer sich daran gewöhnt, sein Leben wie lau-ter 5-Minuten Terrinen zu konsumieren, verlernt das leise Glück, die Langsamkeit, die Ge-duld, die man braucht, um sich an kleinen Dingen zu freuen.“
Das klingt aber zu schön – oder?
”Was wäre verkehrt an Schönheit?…“, Rea hält die leere Kaffeetasse in der Hand und sinniert, ”…schau, wenn sich heute jemand hinstellt und sagt: Das Leben ist wundervoll – der wird doch ausgelacht. Aber warum?“ Vielleicht, weil es nicht cool klingt? Weil es viel mehr Gründe gibt, sich Sorgen zu machen? ”Ja, ist mir auch klar,“ antwortet Rea, ”aber das bringt uns nicht weiter. Das einzige, was Menschen weiterbringt, ist Hoffnung.“

So ist die aussagestarke und melodiös kraftvolle Ballade ”Strong“ eins von Reas Lieblingslie-dern. ”Es war das erste, das wir fertig hatten. Da wusste ich: ”Okay, nun hat das Album begonnen. Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Die sublime Energie von ”Strong“ zieht sich wie ein roter Faden durch das Album. ”Es ist ein Lied, das eine Rebellion anregen soll. Kei-nen Aufstand, ich meine vielmehr ein innerliches Auflehnen gegen Stereotype.“

Jedes Lied auf ”Beautiful Sky” knüpft dort an, bei dieser kleinen, innerlichen Rebellion, beim ”Sich einfach trauen“, ”Neugierig bleiben“, ”den Mut haben zu fragen, seine Mei-nung zu äussern, sich einzumischen“. ”Ich will keine Revolution. Ich will nur sagen: Leute, das hier ist unsere Welt, lasst uns versuchen, sie ein wenig besser zu machen.“ Wenn einer in Grossbritannien oder in Irland etwas unbestreitbar Wahres sagt, wird die höfliche, engli-sche Sprache plötzlich sportlich, man antwortet dann: ”Fair enough“. Auch nun kann man das sagen. ”Fair enough, Rea.“

”Fair ist immer gut,“ lächelt er und entschuldigt sich dann.

Das Holzbindfadendingends und die Wäsche warten.

Quellen: emipromotionservices

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