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Radiohead

Im Jahr 2001, ungefähr zu der Zeit als sein erstes Kind geboren wurde, machte es sich Thom Yorke zur Gewohnheit, während der Abenddämmerung allein über die Feldwege und Felder in der Nähe seines Hauses zu fahren.
„Mein Auto hat dieses tolle blaue Scheinwerferlicht und diese Farbe vermischte sich dann mit den wilden Tieren, die sich in die Hecken flüchteten. In der Dämmerung befand ich mich in einer Art Traumzustand. Die Gegend, wo wir leben, ist wunderschön, aber ich hörte immer eine Melodie von Penderecki, die richtig unheilverkündend und gruselig ist und ich kriegte dann immer ungute Vorahnungen.“

 

Diese einsamen Fahrten inspirierten Yorke zu den Ideen, die nun den Großteil des sechsten Albums von Radiohead ausmachen. „Vieles habe ich sehr schnell geschrieben: Seiten über Seiten voller Notizen, die mir zunächst sehr zusammenhanglos vorkamen. Vieles waren Sätze die ich im Radio gehört hatte. Jetzt, wo ich plötzlich Vater war, hörte ich mehr Radio, vor allem die stündlichen Nachrichten während des Kriegs in Afghanistan setzten sich in meinem Kopf fest. Ich machte ganz verrückte Listen von Personen des öffentlichen Lebens, die ich auf dem Kieker hatte“, lacht Yorke.

 

„Wir hatten uns ein halbes Jahr Pause genommen und Ed fragte: ‚Kannst du ein paar deiner Ideen für die neuen Songs aufschreiben?’ Ich versuchte gar nicht, einen Song zu schreiben, ich habe nur Demos gemacht, die die anderen sich anhören sollten. Als wir uns trafen, sagte ich: ‚Wenn ihr die Sachen nicht mögt, ist mir das auch recht, dann fangen wir eben noch mal neu an.’ Aber die anderen waren sehr zufrieden.“

 

Anfang 2002 fand sich das Quintett in seinen Proberäumen in Oxfordshire zusammen, um für die folgenden sechs Monate das neue Material in Form zu bringen. „Wir sind eine altmodische Band insofern, als dass wir sehr intensiv an den Arrangements arbeiten“, sagt Jonny Greenwood. „Wir haben endlos lange Probeaufnahmen gemacht, bis wir schließlich eine Zusammenstellung der besten Songs hatten. Als wir dann endlich ins Studio gingen, konnten wir Nigel (Godrich) fertiges Material geben und schneller arbeiten.“

 

Zu jener Zeit testete die Band ihr neues Material auf diversen europäischen Konzerten. Colin Greenwood erinnert sich: „Einer der Ausgangspunkte für das neue Album war ‚I Might Be Wrong’, die Livecompilation von Songs aus ‚Kid A’ und ‚Amnesiac’, die wir ein paar Jahre vorher aufgenommen hatten. So hatten wir eine Ahnung, was passieren würde wenn wir für ‚Hail To The Thief’ Songs aufnehmen, die wir schon live gespielt hatten.“

 

Im September 2002 flog die Band nach Los Angeles: Produzent Nigel Godrich hatte darauf bestanden, die Aufnahmen dort zu machen. „Ich weiß noch, als wir ‚Kid A’ aufnahmen, in einem Landhaus mitten im Nichts, wie Nigel uns immer vorschwärmte, wir müssten jetzt in L.A. sein, da könnten wir Sushi essen“, erinnert Jonny, „stattdessen standen wir um Mitternacht auf irgendeinem Marktplatz in Oxfordshire, wo sogar die Straßenlaternen schon ausgeschaltet waren! Also wollten wir Nigel diesmal den Gefallen tun – aber nur für zwei Wochen.“

 

„Nigel schleppte uns nach L.A.“, fügt Ed O’Brien hinzu, „weil er dort drei Alben aufgenommen hatte, zwei mit Beck und eines mit Travis. Wir hatten immer gezögert, denn, ehrlich gesagt, Radiohead hat nichts mit dem Hotel California-Feeling zu tun, das hört sich wirklich nicht wie eine perfekte Verbindung an. Aber wir merkten schnell, dass man da arbeiten kann, ohne sich von dem, was dort vor sich geht, beeinflussen zu lassen. Wir haben bei den Aufnahmen dort die bislang besten Erfahrungen gemacht. Jeden Tag haben wir einen Song fertig gestellt. Wir waren nicht zu pingelig oder zu verkopft, wir vertrauten uns selbst, Nigel, dem Studio, den Songs und ließen einfach los.“

 

Phil Selway fügt hinzu: „Als wir nach den Tourneen für ‚Kid A’ und ‚Amnesiac’ Pause machten, gab Thom uns CDs mit neuen Songs mit – nur Stimme, Gitarre und Klavier. Wir hörten uns die Sachen an, ließen sie ein wenig sacken und mit der Zeit kamen Ideen auf, wie man die Songs am besten weiterentwickeln könnte. Es war das genaue Gegenteil zu ‚Kid A’, wo wir gar nichts vorbereitet hatten und im Studio unheimlich unter Druck standen. Das kann zwar auch mal ganz stimulierend sein, aber meistens ist es eher lähmend. Die zwei Monate Vorbereitung bedeuteten, dass wir in L.A. viel schneller voran kamen. Bei ‚Kid A’ haben wir alle sechs Wochen ein Stück aufgenommen – jetzt war es jeden Tag eins!“

 

Ed O’Brien meint: „Dieses Mal hatten wir unsere Energie wieder, die seit ‚The Bends’ gefehlt hatte. Das Klima beeinflusst die Art, wie man Musik macht, doch sehr, und ein Großteil von ‚The Bends’ wurde im sonnigen Sommer 1994 neu aufgenommen. Dieses Mal hatten wir auch gutes Wetter – jeden Tag verließen wir um 17:30 Uhr das Studio und fuhren zum Griffith Park Observatorium hoch, gingen spazieren und guckten uns die Gegend an. Der Blick auf L.A. erinnert mich an ‚Bladerunner’:  kein grün, nur die geraden Straßen, Autos und sandfarbene Häuser.“

 

Die Spaziergänge halfen wenig, die düster-bedrohlichen Bilder aufzuhellen, die Thom Yorke in seinen neuen Texten verarbeitete. Das Brechtsche „We Suck Young Blood“ etwa wurde erst von den Trips durch Los Angeles inspiriert. „Es handelt von Sex als eine Art Währung, wie sie in Hollywood üblich ist. Das hat etwas Bösartiges – eine dunkle Macht, die alles verschlingt, was ihren Weg kreuzt. Es ist Ausdruck dieses verzweifelten Drangs, um jeden Preis jemand anderes sein zu wollen, selbst wenn das bedeutet, dass man wie eine Beute gerissen und von hinterhältigen Schmarotzern ausgesaugt wird. Das findet man in der Musikindustrie, der Pornoindustrie, aber auch in der Politik, wenn man etwa guckt wie die extremen Rechten junge Leute verführen, sich ihnen anzuschließen. Faschismus beginnt mit einem frustrierten 50jährigen Sadomasochisten, der verwirrte Teenager aufgreift und sie für ein paar Jahre bearbeitet, bis sie sich in mörderische Skinhead-Schweine verwandelt haben.“

 

Der letzte Song des Albums, „A Wolf At The Door“, hat ein paar schöne Akkordwechsel von Jonny, dem jedoch bald auffiel, dass „die Musik zu geschäftig und hübsch war, also hat Thom einfach drüber hinweg geschrieen“. Der Song zeigt einen paranoiden, von Verfolgungswahn geplagten  Menschen und „so nah wie da war ich noch nie an einem Nervenzusammenbruch. Es handelt von Angst – echter oder eingebildeter Gefahr – und es ist absolut stimmig.“

 

Und dann gibt es noch „The Gloaming“, ein Rhythmusstück, geschrieben von Jonny und Colin, das für seine Schöpfer als einer der Schlüsselsongs des neuen Albums gilt. Colin hätte das ganze Album gerne so getauft, doch der Rest der Band war dagegen. „Jetzt ist es der Untertitel. Es bezieht sich auf eine generelle Dunkelheit, die alles überzieht und sich langsam in der ganzen Menschheit ausbreitet, wie eine mittelalterliche Pest, die plötzlich wieder auftritt. Im Mittelalter war man geradezu besessen von Menschen, die man für besessen hielt. Etwas Ähnliches passiert heute. Das Gefühl, dass eine bösartige Macht unsere Zivilisation zerstört. Gegen Ende des Albums las ich ein Buch von Murakami, ‚Mister Aufziehvogel’ , und plötzlich war in meinem Kopf alles ganz klar. Das ist es, was ich meine mit der Dunkelheit, die alle Leute umgibt. Sie merken nicht, was passiert, und sie meinen, das Richtige zu tun, aber Faschismus und Unkenntnis nehmen beständig zu und die Leute lassen das zu. Das ist für mich der wahre ‚Dieb‘. Der Dieb ist jemand, der deine Seele regiert und sich in deinem Körper breit macht. Die wenigen Politiker, die ich persönlich kennen gelernt habe, scheinen sich einen Dreck zu scheren um die Dinge, die sich nicht auf der Oberfläche abspielen. Wenn ich Blair begegnen würde, würde ich gar nichts sagen. Ich würde ihn einfach nur beobachten. Ich würde sehen wie sein Mund sich bewegt und Luft herauskommt.“

 

„Hail To The Thief“ hat aber auch Momente wohlmeinender Ekstase. „Sail To The Moon“ etwa, ein liebevoller Gruß an Yorkes kleinen Jungen, ist ein wunderschönes verträumtes Stück von demselben Kaliber wie „Street Spirit“ oder „Pyramid Song“. Dann aber kommt wieder die kämpferische Techno-Bassline in „Myxamatosis“, in der ein übellauniger Yorke sich über seine Erfahrungen während der Schuldenerlass-Kampagne Drop The Dept äußert: „Man beobachtet die Politiker, ein ‚Wirbelwind aus Nichts‘, die dir sagen was du hören möchtest damit sie deine Stimme kriegen und danach vergessen sie, dass du überhaupt existierst. Diese Erfahrung hat mich wirklich umgehauen. Jegliche Form von Macht korrumpiert. Je näher man kommt, desto hässlicher wird das ganze. Das sind keine Menschen mehr – diese Leute sind besessen.“

 

Das zweite Stück, „Stand Up – Sit Down“, lädt den Zuhörer ein, mit der Band in das Herz der Finsternis vorzudringen - "step into the jaws of hell“ heißt es zu Beginn des Songs. „Die Zeile stammt aus dem Gebetbuch“, erläutert Yorke. „Ich wollte diese Zeile unbedingt in einen Song reinnehmen.“ Die apokalyptischen Bilder von „Hail To The Thief“ vermögen es jedoch nicht, die nahezu euphorische Stimmung zu überdecken, die von der Musik ausgeht. Ed O’Brien schwärmt davon, wie Radiohead mit den live-im-Studio Aufnahmen, die bei „Thief“ dominieren, „endlich ihren Schritt“ gefunden haben und Yorke gibt ihm recht. „Für mich klingt die Musik sehr positiv. Wir haben durch „Kid A“ und „Amnesiac“ sehr viel gelernt und waren ganz zuversichtlich, wir brannten darauf, das jetzt anzuwenden und zu genießen. Und das zu feiern, dass wir wie eine Einheit klingen. Ich finde, die Musik klingt sehr zuversichtlich. Die Platte hat etwas Düsteres, aber sie ist auch glänzend und fröhlich.“

 

Colin Greenwood erinnert sich: „Unser Runninggag war, wenn ein Song die 3:50 Minuten überschritt, zu sagen: ‚Oh Mist, jetzt haben wir’s verbockt. Es ist viel zu lang.‘ Die Ironie dabei ist, dass ausgerechnet die erste Single, ‚There There‘, das längste Stück auf dem Album ist. Wir nahmen das live in Oxford auf. Am Ende waren wir ganz aufgedreht weil Nigel unbedingt wollte, dass Jonny wie John McGeoch von Siouxsie and the Banshees spielt. Und die alten Säcke in der Band waren im siebten Himmel.“

 

Was man zuerst auf dem Album hört, ist der akustische Beginn der allerersten Session in den Oceanway Studios: Jonny schließt seine Gitarre an den Verstärker an, danach kommt ein Percussion-Stück von einem daneben stehenden Laptop; alles live aufgenommen. „Man hört, wie wir uns anschließen und etwas Neues beginnen.“ Das Ergebnis ist Radioheads bislang kraftvollstes Album, eine musikalische Explosion, die uns aus den Träumereien der gemütlichen Ruhezone wachrüttelt und uns auffordert, zu überdenken, was das neue Jahrtausend uns eigentlich bringen wird. Natürlich ist „Hail To The Thief“ auch der Titel eines Buches, das George Bushs zweifelhaften Wahlkampfsieg in Florida beleuchtet, aber die Welt ist voll von Leuten, die ganz ähnlich vorgehen, und Radiohead wollen auf ihrem neuen Album auch auf diese Menschen aufmerksam machen.

 

Colin Greenwood ist mit dem Ergebnis überaus zufrieden: „Die Texte sind mit das Beste am neuen Album  - die Klarheit und der trockene Humor. Ich mache mir keine Sorgen darüber, dass die Amerikaner unsere Platte vielleicht nicht kaufen aus Protest darüber, wie wir uns zu bestimmten Themen äußern. Die Leute sollten sich mit wichtigeren Dingen beschäftigen als mit der Frage, ob George Bush nun ein Idiot ist oder nicht.“

 

Sein jüngerer Bruder fügt hinzu: „Wir würden unsere Platten nie nach einem politischen Ereignis benennen, etwa Bushs Wahl. Die Platte geht weit darüber hinaus. Und sie wird ja hoffentlich auch länger existieren, es sei denn, er baut sich eine Dynastie auf, was natürlich immer möglich ist. Thom singt ja darüber, dass man sich entscheiden soll, ob man sich mit dem, was passiert, auseinandersetzen will. Es handelt auch von den Fluchtmöglichkeiten, dem Drüber-Hinwegsehen, dem Abwarten. So fühlt sich jeder mal, man ist ja auch frustriert über die Dinge, die man nicht ändern kann. Wir leben in einer sehr verwirrenden Zeit, und das Album soll auch kein Manifest sein. Es ist eher eine Art Zusammenfassung: Was ist los im Jahre 2003.“

 

Thom Yorke hat natürlich eine eigene Meinung über die kontroversen Inhalte des Albums: „Wir müssen uns nicht auf eine Kiste stellen und predigen, wir bringen das hoffentlich allein mit unserer neuen Platte rüber. Es war bestimmt nicht unser Ziel, ein Protestalbum zu machen. Das wäre uns viel zu flach. Wie immer war es eigentlich so, dass wir das aufgenommen haben, was um uns herum vor sich ging. Der Titel des Albums ist alles andere als Anti-Bush-Propaganda, es geht viel weiter. Wenn die Leute jetzt anfangen, unsere Platten zu verbrennen, bitte schön. Das meinen wir doch: das ‚gloaming‘, das Düstere, fängt an sich auszubreiten, wir sitzen schon im Dunkeln. Es ist alles schon mal da gewesen, man muss nur in die Geschichtsbücher schauen. Wenn wir bedroht werden sollten dafür, dass wir einfach nur Kunst machen – das wäre schon ein starkes Stück. Dann wäre es Zeit, ganz weit weg zu ziehen – auf den Mond zum Beispiel.“

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